Düsseldorf (ots) - Wer in die Geschichte blickt, stößt erst spät
auf das Phänomen Massentourismus. In der frühen Neuzeit war es eine
kleine Gruppe von Kaufleuten, die auf abenteuerlichen Handelsrouten
um die Welt reiste. Im 18. Jahrhundert schwärmten Adel und
Großbürgertum nach Italien aus, um dort den Zauber der Antike zu
suchen, und im späten 19. Jahrhundert zelebrierten die oberen
Zehntausend ihre Sommerfrische an der Ostsee.
Aber erst im deutschen Wirtschaftswunderland der 1950er Jahre zog
es die Massen ans Meer und in die Berge. Wir waren plötzlich wer -
unter anderem Reiseweltmeister.
Nun droht der Verlust dieses Titels, weil die Ferienreise für
einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr erschwinglich ist
und die prekäre Arbeitswelt der Ich-AGs keine langen Auszeiten mehr
erlaubt. Entwickelt sich der Urlaub zurück zur Sommerfrische, die
dann wieder zum Privileg der Elite wird?
Erstaunlich ist, wie scharf der Reisemarkt die sozialen
Entwicklungen in Deutschland widerspiegelt: Eine kleine, gefestigte
Oberschicht setzt sich selbstbewusst vom Massentourismus ab, will
ferne Kulturen hautnah kennenlernen, ohne dabei aber auf
Fünf-Sterne-Luxus verzichten zu müssen.
Dagegen verhält sich die von der Wirtschaftskrise gebeutelte und
vom Abstieg bedrohte Mittelschicht auch bei ihrer Reiseplanung
verunsichert. Die Familien der "Mitte" hatten der Branche über
Jahrzehnte Milliarden-Umsätze beschert, nun ist kein Verlass mehr auf
sie. Da helfen auch keine Angebote, die versprechen, das Fernweh auf
Pump zu stillen.
Was nicht heißt, dass vom Massenphänomen Urlaub bald nur noch die
elitäre Sommerfrische bleibt und die große Mehrheit sich darauf
beschränkt, mit Google-Earth virtuell um die Welt zu reisen. Wie sich
unsere Urlaubskultur entwickelt, hängt wesentlich davon ab, ob
Deutschland sozial auseinanderdriftet oder ein von der Mittelschicht
geprägtes Land bleibt.
Ihren Titel Reiseweltmeister dürften die Bundesbürger allerdings
ohnehin bald los sein. Schon jetzt wachsen an den Küsten Südostasiens
gigantische Hotelburgen in den Himmel: Die neuen chinesischen
Wohlstandsbürger stehen in den Startlöchern, um diese künstlichen
Paradiese für sich zu erobern.
Originaltext: Westdeutsche Zeitung
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