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Twitter ist keine Strategie


Twitter ist keine Strategie

Bild: Christoph Liebentritt



Vergessen Sie niemals, welche Medien Ihr Zielpublikum nutzt! Was professionelle Kampagnenmacher von protestierenden Studenten lernen können.

Jakob studiert in Wien, wo die Studentenproteste vom letzten Herbst ausbrachen. Die Bewegung fand nicht nur Beachtung als größte Studentenbewegung der letzten Jahrzehnte. Gerade Parteien, NGOs und Verbänden gelten sie als Prototyp einer internetgestützten Graswurzelkampagne. Sie suchen nach Möglichkeiten, diesen Mechanismus für eigene Zwecke zu kopieren. Die Sozialen Netzwerke wie Facebook, seit Obamas Wahlkampagne schon in aller Munde, gelten als die neuen Arenen, die es für die politischen Akteure zu besetzen und zu nutzen gilt. Zu Recht?

Wie alle Koordinatoren der Wiener Studentenproteste nennt Jakob bloß seinen Vornamen. Drei Tage nach Beginn der Protesthandlungen sei er auf die Bewegung aufmerksam geworden. Er und seine Freunde redeten über die Proteste, zwischen Plänen fürs Wochenende und Tipps für die nächsten Klausuren. „Unsereuni“, Unibrennt“, das waren die Schlagworte. So nannten sich die Protest-„Gruppen“ bei StudiVZ. So hießen die „Fanpages“ auf Facebook. Diese Worte kursierten bei Twitter als „Hashtags“, als Schlagworte, mit denen die Nutzer eine Nachricht einer bestimmten Diskussion zuordnen können.

Kurze Zeit später koordinierte Jakob die Bewegung mit. Die protestierenden Studenten nutzten die Sozialen Netzwerke auf vielfältige Weise. „Über Facebook, Twitter und StudiVZ konnten wir unheimlich schnell Unterstützung organisieren“, sagt er. Während der Besetzung des Audimax, des großen Hörsaals, hätten in einem Raum Leute permanent über diese Kanäle berichtet, was gerade geschieht und mitgeteilt, was als nächstes passieren müsse. Einmal brauchten die Besetzer dringend Sofas im Hörsaal. Sofort meldeten sich auf den Internet-Aufruf Studenten und Wohngemeinschaften, die helfen konnten. Innerhalb von Stunden wehte durch das das Audimax ein Hauch von Wohnzimmer. Ein anderes Mal organisierten die Studenten einen so genannten Flashmob: Sie sprachen sich über das Internet ab, zu einer ganz bestimmten Zeit kurz, aber zahlreich an einem ganz bestimmten Ort zu erscheinen. Am Tag der offenen Tür des Wissenschaftsministeriums stürmten so 100 Studenten mit quietschenden Plastikhühnern das Gebäude und forderten mit Gegacker und Kikeriki-Rufen den Rücktritt von Minister Hahn. Die Medienaufmerksamkeit war der Aktion gewiss.

Das Internet spielte auch eine Rolle beim Informieren und Aktivieren breiterer Kreise. Laufend erfuhren weitere Studenten und zunehmend auch die Öffentlichkeit von den Protesten und verfolgten sie mit. So schwappte die Bewegung auch auf andere Unis über. Die zahlreichen deutschen Studenten in Wien – ironischerweise wurden gerade sie für einen Teil der Probleme verantwortlich gemacht – verbreiteten die Kunde und die Anliegen der Proteste in ihren deutschen Bekanntenkreisen und die trugen es an ihre Unis.

Diese Erfolge verführen tatsächlich zum Nachahmen. Entscheidend für den Erfolg dieser Graswurzelbewegung und ihre Werkzeuge waren aber Voraussetzungen, die Organisationen oft vergessen oder unterschätzen. Der amerikanische Internetpolitik-Berater Colin Delany polemisiert und bringt es auf die Formel: „Twitter is not a strategy.“

Erstens fühlen sich viele Organisationen gedrängt, auf Sozialen Netzwerken präsent zu sein, „weil man das heute so macht“. Zum Beispiel auf Twitter. Studenten nutzen Twitter. Und weil sie sehr oft an ihren Laptops sitzen oder entsprechende Software auf ihrem iPhone installiert haben, nutzen sie es permanent. Für einige von ihnen ist es wichtiger als E-Mail. Die allermeisten etablierten politischen Akteure haben aber ein Zielpublikum, für das die E-Mail noch immer die mit Abstand wichtigste Anwendung des Internets ist.

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