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Mehr Strategie wagen


Angela Merkel nach ihrer Vereidigung als Bundeskanzlerin im Oktober 2009



In der deutschen Politik fehlt es an systematischer Strategie. Taktik alleine reicht schon lange nicht mehr aus – sagen Joachim Raschke und Ralf Tils.

Der preußische Militärhistoriker Carl von Clausewitz hatte Recht, als er sagte: „So ist denn in der Strategie alles sehr einfach, aber darum nicht auch alles sehr leicht.“ An der Schwierigkeit liegt es jedoch nicht, dass das Militär seit über 200 Jahren systematische Strategie kennt, die Wirtschaft seit mehr als 50 Jahren das strategische Management – die Politik aber im Dunkeln tappt. In der Politik ist noch heute in Strategiefragen jeder Autodidakt. Jeder und jede fängt wieder von vorne an.

Sicherlich, Politik ist komplizierter als Ökonomie. Aber Politiker sind nicht dümmer als Offiziere, Manager und Sportler. Permanente Machtkämpfe, Vertrauensmangel, Selbstüberforderung, Rationalitätszweifel, strukturelle Rekrutierungsschwäche: Vieles kommt zusammen, was die extreme Verspätung erklärt, mit der Strategie die Politik erreicht.
„Irgendwie“ strategisch ging es immer zu in der Politik. Aber alles blieb unausgesprochen, begriffslos, zufällig. Ohne eine innere Ordnung und Stringenz, die man aufschreiben, weitergeben und professionalisieren kann. Politik und die sie begleitenden Wissenschaften haben das Thema verschlafen. Diesem Fehler haben sie einen weiteren hinzugefügt: Sie sind hinterhergelaufen und haben erst die militärische, später die ökonomische Strategie kopiert, ohne die Eigenarten von Politik hinreichend zu bedenken. Selbst bei strategischen Ansätzen im Sport sind Anregungen zu finden, aber: Politik ist die Voraussetzung für politische Strategie. Wo sonst gibt es die zwei spezifischen, aber miteinander verwobenen Organisationstypen von Staat und Freiwilligenorganisationen wie beispielsweise Verbände und Parteien? Wo sonst gilt eine Handlungslogik, die zwischen Partialinteressen und einem allgemeinen staatlichen Gesamtinteresse balancieren muss? Weder Lehren aus dem Militär, der Wirtschaft oder dem Sport helfen hier weiter.

Kein Spin-Doctoring

Warum braucht Politik Strategie? Strategie gibt den Akteuren Zielsicherheit. Das schützt sie vor Verlockungen oder Bedrohungen des Augenblicks. Strategie verschafft den Akteuren Orientierung in der unübersichtlichen Politik. Sie gibt ihnen Leitlinien für das eigene Handeln, ohne sie in das Korsett eines festgeschriebenen Plans zu zwängen. Erst wer eine Strategie hat, weiß wirklich, was er will. So kann er zielorientiert auf neue Umstände reagieren und verliert sich nicht im Situativen. Politik braucht Strategie, weil sie eine Schule des Realismus ist. Die Entwicklung einer Strategie zwingt die Akteure zur schonungslosen Analyse der Realität. Sie zwingt sie auch, nicht bei der erstbesten Option stehen zu bleiben, sondern über Alternativen nachzudenken.

Strategie schafft die Voraussetzungen für eine bessere Politik. Natürlich ist Strategie anspruchsvoll. Politiker und Berater müssen einiges investieren, um hier voranzukommen. Der Dreiklang von analytischem Realismus, Zielsicherheit und Erfolgsorientierung versteht sich nicht von selbst. Mit ihm aber wachsen die Chancen, auch schwierige politische Herausforderungen zu meistern.

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