p&k: Herr Struck, wie geht es Ihnen denn als Ruheständler?
Peter Struck: Man muss sich schon daran gewöhnen. Das Wieder-Zusammenwachsen in der Ehe ist zum Beispiel so eine Sache. Meine Frau und ich sind seit 46 Jahren verheiratet, und die letzten 25 Jahre war ich nur am Wochenende da. Da ist es natürlich ungewöhnlich, wenn der Mann plötzlich zuhause ist. Aber wir haben uns gut wieder aneinander gewöhnt. Wir haben ja auch eine große Familie, sieben Enkelkinder.
Sie sind jetzt seit einem Jahr aus der Politik raus. Wie ist das, wenn der Druck nachlässt, spürt man das von einem Tag auf den anderen?
Man spürt das schon beim Blick in den Terminkalender. Ich muss halt nicht mehr 12 oder 14 Stunden am Tag arbeiten. Aber ich habe viel mit meinem Buch zu tun gehabt. Da steckt schon richtig Arbeit drin, ein halbes Jahr habe ich damit zu tun gehabt. Dann habe ich mir ein Schlichtungsverfahren zwischen der Bahn und Transnet angelacht, außerdem bin ich stellvertretender Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Deren Vorsitz Sie übernehmen werden.
Das entscheidet sich offiziell erst auf der Mitgliederversammlung am 13. Dezember.
Aber es ist doch richtig, dass Sie diese Position gerne übernehmen möchten?
Ja, ich bin seit Jahren stellvertretender Vorsitzender. Die Aufgabe reizt mich. Die jetzige Vorsitzende Anke Fuchs hat erklärt, dass sie nicht mehr kandidiert. Der Vorstand hat mich einstimmig als ihren Nachfolger vorgeschlagen.
Das klingt, als würde es Sie schon jucken, wieder ein bisschen mehr mitzumischen.
Das ist doch etwas anderes: Bei der Stiftung geht es nicht um Tagespolitik, sie ist eher ein Think-Tank. Die Ebert-Stiftung hat eine enorme Rolle im Ausland, es gibt über 100 Auslandsvertretungen. Wir unterstützen Demokratiebewegungen, Gewerkschaften und Parteien – das ist eine reizvolle Aufgabe.
SPD-Chef Sigmar Gabriel will die Stiftung modernisieren und verjüngen. Stimmt es, dass er zu Ihnen gesagt hat, er wolle Sie nicht auf der Position?
Es muss nicht alles stimmen, was so erzählt oder geschrieben wird.
Bestehen denn unterschiedliche Auffassungen über den künftigen Kurs der Stiftung zwischen Ihnen und Sigmar Gabriel?
Nein, denn der Parteivorsitzende erwartet zu Recht von der Stiftung, dass sie sich permanent modernisiert und ihren Sachverstand zur Verfügung stellt. Da sind wir uns inhaltlich einig.
Gabriel soll in einem Papier zur Zukunft der Stiftung die Konrad-Adenauer-Stiftung als Vorbild genannt haben, weil diese einen praxisorientierten Ansatz in Sachen Politikberatung hat. Fehlt dieser Ansatz der Ebert-Stiftung momentan noch?
Der Autor des Papiers, das sie ansprechen, ist ja nicht Sigmar Gabriel selbst. Autor ist jemand anderes, der völlig verkennt, dass wir im europäischen Vergleich weit vor der Adenauer-Stiftung stehen. Wir stehen an neunter Stelle aller Think-Tanks in Europa. Aber natürlich ist nichts so gut, dass man es nicht noch besser machen könnte. Ich werde auch mit Sigmar Gabriel über seine Vorstellungen sprechen. Jetzt setzt sich erst einmal der Geschäftsführer der Stiftung mit Generalsekretärin Andrea Nahles zusammen, um zu besprechen, was aus Sicht des Parteivorstands und aus Sicht der Stiftung zu tun ist.
Wobei die Stiftung aber formell unabhängig ist.
Ja, das muss man auch ganz genau beachten. Ich bin ja selbst Jurist von Beruf und weiß, dass wir nicht Anhängsel der SPD sind. Die Partei ist uns gegenüber nicht weisungsbefugt. Da passen wir schon auf, dass die rechtlichen Grenzen eingehalten und wir nicht zu einer Unterorganisation der SPD werden.
Macht es angesichts der gewünschten Modernisierung denn Sinn, einen altgedienten SPD-Politiker mit dem Vorsitz zu betrauen?
Alter ist ja keine Schande. Erfahrung kann man schon gebrauchen.
Sie nennen die Politik in Ihrem Buch eine „Droge“. Können Sie es verstehen, wenn manche jetzt sagen, Peter Struck ist von der Droge wohl nicht ganz losgekommen?
Solche Kommentare habe ich auch gelesen, etwa, als ich jetzt Schlichter wurde. Das ging so nach dem Motto: Er kann ja doch nicht aufhören. Natürlich beobachte ich die Entwicklung meiner Partei sehr genau. Aber ich möchte nicht wieder aktiver Politiker sein. Ich finde, es gibt einen Punkt, an dem man sagen muss: Komm, jetzt lass mal die Jüngeren machen.
Wie ist die Partei heute aufgestellt?
Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel treten ordentlich auf und machen die Alternativen deutlich, die die SPD bietet. Wir leiden aber noch darunter, dass wir in vier Jahren Großer Koalition Kompromisse machen mussten, die uns viele Stammwähler übelnehmen. Das hat dazu geführt, dass wir Mitglieder verloren haben. Aber in der Opposition haben wir jetzt die Chance, die SPD wieder stark zu machen. Das ist aber ein harter Weg.
Hat Sie der Fehlstart der schwarz-gelben Regierung überrascht?
Ja, denn schließlich war das doch eine Liebesheirat. Die Große Koalition war damals nur eine Vernunftehe. Die Schwierigkeiten liegen wohl daran, dass die FDP lange in der Opposition war und das Regieren noch gar nicht gelernt hat.
Sie sprechen der FDP die Regierungsfähigkeit ab?
Ja, und ich halte auch nicht viel von den agierenden Personen.
Wen meinen Sie?
Den Parteivorsitzenden zum Beispiel finde ich als Außenminister nicht besonders vorzeigbar.
Über die Bundeskanzlerin äußern Sie sich auch nicht sehr freundlich. Sie sagen, man könne sich nicht auf sie verlassen.
Das ist auch so. Aber ich muss zunächst einmal zugeben, dass wir am Anfang den Fehler gemacht haben, Frau Merkel zu unterschätzen.
Den Fehler machen viele.
Jetzt aber nicht mehr, ihre eigenen Leute schon gar nicht. Sie hatte bei den Koalitionsverhandlungen 2005, an denen ich ja beteiligt war, nur ein Ziel: Kanzlerin zu werden. Die Inhalte interessierten sie nicht. Ich kann schon verstehen, dass sie es nicht leicht hatte, sich gegen ihre starken Ministerpräsidenten durchzusetzen. Aber wir haben zum Beispiel in den Koalitionsgesprächen etwas mit ihr vereinbart, und dann ruft sie zwei Tage später an und sagt, sie bekomme die Sache bei denen nicht durch. Es muss ja nicht immer Basta-Politik sein – aber aus meiner Sicht führt Merkel nicht.
Ihre Zeit als Verteidigungsminister bezeichnen Sie selbst als Ihre beste Zeit in der Politik. Fühlen Sie sich heute noch mit der Truppe verbunden?
Wenn ich Soldaten sehe, denke ich immer noch: „meine“ Soldaten. Ich bin auch gar nicht glücklich mit der Entscheidung, die Wehrpflicht auszusetzen. Praktisch heißt das, dass sie abgeschafft wird. Die wird kein Minister jemals wieder einführen. Das läuft also auf eine Berufsarmee hinaus – aber ich kenne die Berufsarmeen, die amerikanische, die britische. Das ist nicht die beste Qualität.
Macht der heutige Verteidigungsminister seine Sache denn ansonsten gut?
Er birst ja geradezu vor Ehrgeiz. Man sieht, dass er höhere Weihen anstrebt und dieses Amt nur als Zwischenstation betrachtet. Das ist der Bundeswehr nicht angemessen. Wenn man für Hunderttausende von Menschen verantwortlich ist, muss man das mit Leib und Seele machen. Und den erzwungenen Rücktritt des Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan nehme ich ihm sehr übel.
Die Truppe dankt es Guttenberg aber, dass er Präsenz zeigt und eine ehrliche Sprache wählt.
Das kann wohl sein. Dennoch habe ich das Gefühl, dass er vieles wegen der Medien macht. Richtig ist, dass er anspricht, wie die Truppe die Situation empfindet. In Afghanistan herrscht Krieg, und ich habe mich als Minister nie gescheut, das Wort auszusprechen. Wir hatten damals noch keine so dramatische Situation wie heute, dennoch habe ich immer versucht klarzumachen, dass die Soldaten dort sterben können, und dass sie in Situationen geraten, wo sie andere Menschen töten müssen. Das wollte aber niemand hören.
Sie waren als Politiker der Typ, der gerne offene Worte gesprochen hat, zum Beispiel: „Die Union kann mich mal.“ War das Kalkül oder ist Ihnen das rausgerutscht, weil Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube machen können?
Letzteres mache ich nicht gerne, das stimmt. Man muss in der Politik auch einmal gezielt provozieren, aber ich war sowieso immer ein Mann der klaren Aussprache.
Viele Politiker trainieren sich das ja ab.
Ja, die sind alle gelackt. Wenn ich mir die Männer der FDP-Fraktion angucke, sehen die alle gleich aus und reden auch alle gleich. Das sind keine Typen mehr. Als ich die Politik verließ, hat Helmut Schmidt mir geschrieben: „Mit dir geht ein Sozialdemokrat von echtem Schrot und Korn.“ Das habe ich als Ritterschlag empfunden.
Hat Ihre Frau nie etwas gesagt, wenn Sie mit Sprüchen wie „Die Union kann mich mal“ in den Medien waren?
Doch, meine Frau hat mir einmal gesagt: Sag nicht so oft „Scheiße“ im Fernsehen. Da habe ich versucht, mich ein bisschen zurückzunehmen. Aber wenn etwas Scheiße ist, dann kann man es ja auch mal aussprechen.
Interview: Sebastian Lange, Johannes Altmeyer
Peter Struck
war von 2002 bis 2005 Bundesverteidigungsminister, zuvor seit 1998 und danach bis 2009 Fraktionschef der SPD im Deutschen Bundestag. Der im Jahr 1943 geborene Struck ist als kantiger Typ bekannt, der vor offenen Worten nicht zurückschreckt. Nach der Bundestagswahl 2009 zog er sich aus der Politik zurück und schrieb seine Erinnerungen. Nun soll er nach Wunsch des Vorstands den Vorsitz der Friedrich-Ebert-Stiftung übernehmen. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und sieben Enkel.
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