„Scheißegal, was Kanada sagt.“ Für Parag Khanna bestimmen NGOs und Großunternehmen die Außenpolitik eines Landes. (Foto: Stephan Baumann)
Der indisch-amerikanische Autor Parag Khanna ist Experte für internationale Beziehungen. p&k hat mit ihm über moderne Diplomatie, die Macht der NGOs und Barack Obama gesprochen.
p&k: Herr Khanna, die Welt ist in Aufruhr: der Atom-Gau in Fukushima, der Umbruch in der arabischen Welt, die Krise der Euro-Zone. Der Titel Ihres neuen Buchs ist: „Wie man die Welt regiert“. Passt das zusammen?
Parag Khanna: Natürlich. Wir leben in einer turbulenten und unvorhersehbaren Welt. Mein Buch handelt davon, wie wir dieser Situation begegnen können. Es gibt Strömungen aus so vielen Bereichen, die sich gegenseitig beeinflussen, ohne dass wir die Auswirkungen kennen. Beispiel Fukushima: Ein Erdbeben führt zu einem Tsunami und kurz darauf haben wir eine Nuklearkrise. Das war unvorhersehbar, aber trotzdem müssen wir damit umgehen. Diplomatie besteht heute vor allem aus Krisenmanagement. Dabei ist sie viel wichtiger: Sie prägt unsere Weltordnung und definiert die Spielregeln.
Wer genau legt in dieser turbulenten Welt die Regeln fest?
Die Globalisierung zerstreut die Macht und verteilt sie an verschiedene Akteure. Mit dem Wirtschaftswachstum, dem Verfall der Zinsen und dem Zuwachs an globalem Handeln ist der Aufstieg multinationaler Firmen verbunden. Gleichzeitig hat eine technische Revolution stattgefunden und die Welt hat sich durch das Ende des Kalten Kriegs geöffnet.
Aber es gibt sicherlich bestimmende Akteure?
Entscheidend ist Autorität. Die basiert auf Anerkennung. Firmen gelten weltweit als wirtschaftliche Autoritäten, Universitäten sind geistige Autoritäten, die Kirche ist eine religiöse, eine moralische Autorität. Wir glauben, dass Diplomatie nur zwischen Staaten stattfindet. Aber sie beruht auf dem Umgang zwischen Autoritäten. Jeder, der als Autorität gekennzeichnet werden kann, ist ein Diplomat. Deshalb vergleiche ich die heutige Zeit mit dem Mittelalter. Das war das letzte Zeitalter vor dem Aufstieg der Nationalstaaten. Jetzt kehren wir zurück in ein Mittelalter, in dem es vielfältige Akteure gibt, zwischen denen mehr Diplomatie besteht als je zuvor.
Sie nennen das Mega-Diplomatie, den Aufstieg von Unternehmen, NGOs, großen Stiftungen …
… aber auch Verbänden, Gewerkschaften und gesellschaftlichen Akteuren; alles auf dem sub-staatlichen Level. Daran sind auch ganz kleine Akteure beteiligt.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Nationalstaaten in dieser Mega-Diplomatie?
Das kommt auf den Staat an. Es gibt 200 Staaten, die nicht alle gleichberechtigt, nicht alle gleich kompetent und anständig sind. Viele Staaten werden nicht von ihrer Regierung gelenkt, sondern von der Gesamtheit der verschiedenen Akteure. Es gibt Beispiele, wo die Außenpolitik eines Staats aus den privaten Bemühungen der Unternehmen besteht.
Zum Beispiel?
Kanada, Brasilien und Indien sind große, wichtige Staaten, aber sie haben keinen diplomatischen Einfluss auf die Welt – jenseits dessen, was ihre privaten Firmen tun. Es ist jedem scheißegal, was Kanada sagt. Aber ein Technologieunternehmen wie Research in Motion hat Einfluss. Der frühere brasilianische Präsident Lula mag ein cooler Typ gewesen sein, aber was ein Bergbauunternehmen wie Vale sagt, zählt. Große Unternehmen wie Tata, Mahindra und Infosys sind die indische Außenpolitik.
Wie ordnen Sie Deutschland in diesem wirtschaftspolitischen Kontext ein?
Ich glaube, dass Deutschland ein sehr erfolgreiches Staatsmodell ist. Es ist ein industrialisierter, moderner Wohlfahrtsstaat mit einem starken Privatsektor, der in der Regierung mitmischt. Deutschland ist der erfolgreichste Staat in Europa und vielleicht das künftige Exportmodell. Ökonomen reden oft vom China-Modell, aber China will eigentlich ein großes Deutschland sein: modern, industrialisiert, weniger ungleich. Viele reden davon, dass die USA und China die Welt bestimmen. Das ist eine Anti-Achse, die stimmen in gar nichts überein. Aber China lernt vom deutschen und vom europäischen Modell.
Die Europäische Union steht derzeit selbst vor großen Herausforderungen. Könnte die EU aufgrund ihrer Uneinigkeit scheitern?
Die EU hat Stärken und Schwächen, aber es geht in die richtige Richtung. In den 90er Jahren hieß es, die EU könne verbreitert oder vertieft werden. Es gab immer diesen Gegensatz. Aber beides ist passiert – unwiderruflich. Ich als Nicht-Europäer finde das gut.
Ist es für die Diplomatie hinderlich, dass die EU nicht mit einer Stimme spricht?
Je mehr Mitglieder es gibt, desto schwieriger wird es, mit einer Stimme zu sprechen. Das ist auch nicht zwingend notwendig. Es gibt Fälle, in denen interne Koalitionen funktionieren: Im Mittelmeerraum spielen Frankreich und Spanien eine wichtige Rolle, wenn es um Russland geht, sind die Deutschen stärker involviert.
Der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat eine gemeinsame europäische Telefonnummer gefordert. Ist die mittlerweile überflüssig?
Kissinger hat das in einem Zeitalter reiner Nationalstaaten geschrieben. Das Modell hat Europa schon lange überschritten. Interne Koalitionen sind nicht immer effizient – aber es ist nicht das einzige Modell der Außenpolitik, immer gemeinsam zu handeln.
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